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Vibe Coding: Vom Commodore 64 zum KI-nativen Startup

KI-First Startup
Marc Loeb
2. September 2025
6 min read
Vibe Coding: Vom Commodore 64 zum KI-nativen Startup

Als ich zehn Jahre alt war, sass ich vor einem leuchtend blauen Bildschirm und tippte Befehle in meinen Commodore 64. Meistens nutzte ich ihn für Spiele, aber diese frühen Stunden des Bastelns pflanzten den Samen: Computer waren nicht nur Maschinen — sie waren kreative Begleiter.

Während sich meine Karriere entfaltete, entwickelte sich diese Beziehung zur Technologie weiter. In Finanzen und Controlling wurden Windows, Excel und Datenbanken meine täglichen Werkzeuge. Als die erste Welle des Internets — Web 1.0 — mit Google, Amazon und E-Commerce ankam, fühlte es sich an, als öffnete sich die Welt. Dann kam der Dotcom-Crash, und viele dieser Träume gingen in Rauch auf. Aus der Asche stiegen neue Dienste wie YouTube und zeigten die Fähigkeit des Webs, sich neu zu erfinden.

Web 2.0: Vom Lesen zum Co-Creating und Sozialen

Die zweite Welle — Web 2.0 — war fundamental anders. Das frühe Web war vom Lesen geprägt: statische Webseiten, Portale und Einweg-Publishing. Web 2.0 verwandelte das Internet in einen Ort für Interaktion und Co-Creation.

Plattformen wie Facebook, Twitter und LinkedIn schufen digitale Räume, in denen Nutzer nicht nur Content konsumierten — sie erzeugten ihn. Wikipedia wurde zum Aushängeschild kollektiver Wissensschöpfung. Plötzlich war der Nutzer nicht mehr nur Leser, sondern auch Autor, Kurator, Teilnehmer.

Das war die Geburt des sozialen Webs. Teilen, Verbinden, Liken und Kommentieren wurden zu Kernverhaltensweisen. Das Web wurde zu einem Netzwerk von Konversationen statt zu statischen Seiten. Communities formten sich um geteilte Interessen, und Plattformen skalierten auf dem Rücken dieses Engagements.

Für Unternehmen und Creator bedeutete das eines: Distribution und Discovery liefen jetzt durch soziale Graphen. Wer nicht Teil der Konversation war, war unsichtbar.

Mobile First: Die Gig-Economy in deiner Tasche

Während Web 2.0 transformierte wie wir online interagierten, passierte eine andere Revolution in unseren Händen. iPhone und Android brachten das Prinzip Mobile First: Dienste, die nicht für den Desktop, sondern für das Telefon entworfen wurden.

Das war nicht nur ein kleinerer Bildschirm — es war ein neuer Kontext. Telefone hatten GPS, Kameras und konstante Konnektivität. Apps waren nicht einfach Webseiten auf Mobile portiert; sie waren völlig neue Erfahrungen.

Airbnb und Uber waren nicht einfach Web-2.0-Plattformen — sie waren die Verschmelzung von Mobile-Technologie mit der Gig-Economy. Sie verbanden Menschen in Echtzeit, nutzten Standort und Sofort-Zahlungen, um neue Geschäftsmodelle zu schaffen. Mobile First machte Plattformen wirklich global und persönlich, komprimierte Angebot und Nachfrage in die Handfläche.

Wenn Web 2.0 von Interaktion, Community und sozialer Co-Creation handelte, ging es bei Mobile First um Unmittelbarkeit und Teilnahme an der physischen Welt. Zusammen definierten sie, wie die 2010er gebaut wurden.

KI als kreativen Partner entdecken

Vorspulen ins Jahr 2022: Ich begegnete zum ersten Mal Sprachmodellen. 2023 nutzte ich ChatGPT, um Krypto-Code zu schreiben. Was mich am meisten überraschte, war nicht nur, dass es Code generieren konnte — es war wie nützlich die Interaktion war. Coden fühlte sich nicht mehr wie ein einsamer Akt des Syntax-Schreibens an; es wurde zu einem Dialog, einem Hin und Her mit einem Partner, der Kontext verstand.

Diese Erfahrung veränderte alles.

Ich wechselte zu Cursor, einem Tool, geschaffen von vier Gründern, die Visual Studio Code mit eingebautem Large-Language-Model-Chat neu erfanden. Plötzlich war der Editor nicht mehr statisch — er war lebendig. Ich konnte Ideen skizzieren, Ansätze testen und debuggen, mit einem Assistenten der sich in meinen Workflow eingebettet anfühlte.

Dann kam der nächste Sprung: Anthropics Code-Agents, vollständig in GitHub integriert. Das war agentischer, proaktiver. Statt jede Zeile selbst zu schreiben, begann ich Aufgaben zu orchestrieren. Die KI scaffoldete Features, übernahm Boilerplate, schlug Architektur vor. Meine Rolle verschob sich vom reinen Coden zu etwas Breiterem: zum Teil Entwickler, zum Teil Produktmanager, zum Teil Designer.

Das ist die Essenz dessen, was ich Vibe Coding nenne.

Vibe Coding: Im Flow mit KI arbeiten

Vibe Coding heisst nicht, Entwickler zu ersetzen oder gedankenlos Code zu generieren. Es geht darum, auf einer höheren Abstraktionsebene zu arbeiten — Intention zu beschreiben, Richtung zu führen und die KI die schwere Arbeit machen zu lassen.

Es fühlt sich weniger wie traditionelles Coden an und mehr wie Jammen mit einem kreativen Partner. Du folgst dem Rhythmus, improvisierst auf Ideen und lässt den Flow die Arbeit vorantragen.

Das Resultat ist nicht nur Geschwindigkeit. Es ist Scope. Aufgaben, die früher ganze Teams brauchten, können jetzt von einer Einzelperson angegangen werden. Statt all meine Energie in Syntax oder Debugging zu stecken, kann ich mich auf die grösseren Fragen konzentrieren:

  • Welches Problem löse ich für den Nutzer?

  • Wie soll sich das Produkt in seinen Händen anfühlen?

  • Welcher Workflow liefert den meisten Wert?

Der Code wird zum Medium, um diese Entscheidungen auszudrücken — nicht zum Bottleneck.

Vom Builder zum Produkt-Creator

Diese Verschiebung war transformativ. Meine Rolle wird nicht mehr durch geschriebene Code-Zeilen definiert, sondern durch das geschaffene Produkt. Mit KI-Agents als Copiloten kann ich fliessend zwischen Engineering, Design und Produktmanagement wechseln.

So wurde Protime geboren. Indem ich mich auf Vibe Coding eingelassen habe, konnte ich ein System bauen, das chaotische Inputs — E-Mails, Newsletter, Feeds — in umsetzbare Klarheit verwandelt. Protime ist nicht einfach eine weitere Produktivitäts-App; es ist ein KI-natives Produkt, das zeigt was passiert, wenn man im Flow mit Maschinen arbeitet, die kollaborieren statt nur zu rechnen.

Warum es zählt

Jede technologische Welle hat erweitert, wer bauen darf. Web 1.0 machte Information zugänglich. Web 2.0 machte Teilnahme und soziale Discovery möglich. Mobile First machte alles unmittelbar und persönlich. Jetzt definiert KI Schöpfung selbst neu.

  • Geschwindigkeit → Ideen können in Tagen statt Monaten getestet und iteriert werden.

  • Hebel → Ein Gründer kann Engineering, Produkt und Design abdecken.

  • Fokus → Statt in technischen Details zu ertrinken, kannst du dich auf Nutzerwert konzentrieren.

Für Startups bedeutet das weniger Ausreden und mehr Experimente. Für Konzerne bedeutet es, neu zu denken was „Developer-Produktivität" überhaupt heisst. Für Einzelpersonen bedeutet es, dass jeder mit Vision und Beharrlichkeit etwas Wirkungsvolles bauen kann.

Das nächste Kapitel: KI-native Startups

Vom ersten Commodore 64 zu Protime ist der Bogen klar: Technologie war immer ein Begleiter. Heute wird sie endlich zum Kollaborateur.

Mit Vibe Coding kann ich jetzt ein komplettes Produkt allein erschaffen — eines, das für viele Nutzer wirklich nützlich ist. Die Ära des Solo-Unternehmers ist da. Wir werden unzählige neue Produkte entstehen sehen, schneller und klüger gebaut, von Einzelpersonen und kleinen Teams im Flow mit KI.

Protime ist mein Beitrag: ein KI-natives Startup, in dem agentische Workflows der Standard sind. Nutzer fragen nicht nur Daten ab — sie instruieren Agents, in ihrem Namen zu handeln. Das bedeutet die Verschiebung von „E-Mails zusammenfassen" zu triagieren, priorisieren, Antworten entwerfen, terminieren und erinnern.

Anders gesagt: dein digitaler Sekretär — praktisch, verlässlich und nützlich nicht nur für Tech-Experten, sondern für KMU, Solopreneure und alltägliche Professionals.

Und das ist erst der Anfang. Bleib dran für unsere nächsten Features in diesem Herbst.